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@ Andreas Rottmann
2025-01-01 17:39:51
**Heute möchte ich ein Gedicht mit euch teilen.** Es handelt sich um eine Ballade des österreichischen Lyrikers Johann Gabriel Seidl aus dem 19. Jahrhundert. Mir sind diese Worte fest in Erinnerung, da meine Mutter sie perfekt rezitieren konnte, auch als die Kräfte schon langsam schwanden.
**Dem originalen Titel «Die Uhr»** habe ich für mich immer das Wort «innere» hinzugefügt. Denn der Zeitmesser – hier vermutliche eine Taschenuhr – symbolisiert zwar in dem Kontext das damalige Zeitempfinden und die Umbrüche durch die industrielle Revolution, sozusagen den Zeitgeist und das moderne Leben. Aber der Autor setzt sich philosophisch mit der Zeit auseinander und gibt seinem Werk auch eine klar spirituelle Dimension.
**Das Ticken der Uhr und die Momente des Glücks und der Trauer** stehen sinnbildlich für das unaufhaltsame Fortschreiten und die Vergänglichkeit des Lebens. Insofern könnte man bei der Uhr auch an eine Sonnenuhr denken. Der Rhythmus der Ereignisse passt uns vielleicht nicht immer in den Kram.
**Was den Takt pocht, ist durchaus auch das Herz,** unser «inneres Uhrwerk». Wenn dieses Meisterwerk einmal stillsteht, ist es unweigerlich um uns geschehen. Hoffentlich können wir dann dankbar sagen: «Ich habe mein Bestes gegeben.»
*Ich trage, wo ich gehe, stets eine Uhr bei mir;* \
*Wieviel es geschlagen habe, genau seh ich an ihr.* \
*Es ist ein großer Meister, der künstlich ihr Werk gefügt,* \
*Wenngleich ihr Gang nicht immer dem törichten Wunsche genügt.*  
*Ich wollte, sie wäre rascher gegangen an manchem Tag;* *\
Ich wollte, sie hätte manchmal verzögert den raschen Schlag.* *\
In meinen Leiden und Freuden, in Sturm und in der Ruh,* *\
Was immer geschah im Leben, sie pochte den Takt dazu.*  
*Sie schlug am Sarge des Vaters, sie schlug an des Freundes Bahr,* *\
Sie schlug am Morgen der Liebe, sie schlug am Traualtar.* *\
Sie schlug an der Wiege des Kindes, sie schlägt, will's Gott, noch oft,* *\
Wenn bessere Tage kommen, wie meine Seele es hofft.*  
*Und ward sie auch einmal träger, und drohte zu stocken ihr Lauf,* *\
So zog der Meister immer großmütig sie wieder auf.* *\
Doch stände sie einmal stille, dann wär's um sie geschehn,* *\
Kein andrer, als der sie fügte, bringt die Zerstörte zum Gehn.*  
*Dann müßt ich zum Meister wandern, der wohnt am Ende wohl weit,* *\
Wohl draußen, jenseits der Erde, wohl dort in der Ewigkeit!* *\
Dann gäb ich sie ihm zurücke mit dankbar kindlichem Flehn:* *\
Sieh, Herr, ich hab nichts verdorben, sie blieb von selber stehn.*  
*Johann Gabriel Seidl (1804-1875)*