
@ Andreas Rottmann
2025-03-20 09:59:20
**Bald werde es verboten, alleine im Auto zu fahren,** konnte man dieser Tage in verschiedenen spanischen Medien lesen. Die nationale Verkehrsbehörde (Dirección General de Tráfico, kurz DGT) werde Alleinfahrern das Leben schwer machen, wurde gemeldet. Konkret erörtere die Generaldirektion geeignete Sanktionen für Personen, die ohne Beifahrer im Privatauto unterwegs seien.
**Das Alleinfahren sei zunehmend verpönt und ein Mentalitätswandel notwendig,** hieß es. Dieser «Luxus» stehe im Widerspruch zu den Maßnahmen gegen Umweltverschmutzung, die in allen europäischen Ländern gefördert würden. In Frankreich sei es «bereits verboten, in der Hauptstadt allein zu fahren», [behauptete](https://noticiastrabajo.huffingtonpost.es/sociedad/adios-a-conducir-solo-la-dgt-se-lo-pone-crudo-a-los-conductores-que-viajen-sin-acompanante-en-el-coche/) *Noticiastrabajo Huffpost* in einer Zwischenüberschrift. Nur um dann im Text zu konkretisieren, dass die sogenannte «Umweltspur» auf der Pariser Ringautobahn gemeint war, die für Busse, Taxis und Fahrgemeinschaften reserviert ist. [Ab Mai](https://www.lefigaro.fr/conso/peripherique-parisien-entree-en-vigueur-de-la-voie-reservee-au-covoiturage-ce-lundi-20250303) werden Verstöße dagegen mit einem Bußgeld geahndet.
**Die DGT jedenfalls wolle bei der Umsetzung derartiger Maßnahmen** nicht hinterherhinken. Diese Medienberichte, inklusive des angeblich bevorstehenden Verbots, beriefen sich auf Aussagen des Generaldirektors der Behörde, Pere Navarro, beim Mobilitätskongress Global Mobility Call im November letzten Jahres, wo es um «nachhaltige Mobilität» ging. Aus diesem Kontext stammt auch Navarros Warnung: «Die Zukunft des Verkehrs ist geteilt oder es gibt keine».
**Die «Faktenchecker» kamen der Generaldirektion prompt zu Hilfe.** Die DGT habe derlei Behauptungen [zurückgewiesen](https://www.newtral.es/dgt-una-persona-coche/20250312/) und klargestellt, dass es keine Pläne gebe, Fahrten mit nur einer Person im Auto zu verbieten oder zu bestrafen. Bei solchen Meldungen handele es sich um Fake News. Teilweise wurde der Vorsitzende der spanischen «Rechtsaußen»-Partei Vox, Santiago Abascal, der Urheberschaft bezichtigt, weil er einen entsprechenden [Artikel](https://gaceta.es/espana/la-dgt-estudia-formas-de-sancionar-a-quien-circule-solo-en-su-vehiculo-el-futuro-sera-compartido-o-no-sera-20250311-1612/) von *La Gaceta* kommentiert hatte.
**Der Beschwichtigungsversuch der Art «niemand hat die Absicht»** ist dabei erfahrungsgemäß eher ein Alarmzeichen als eine Beruhigung. Walter Ulbrichts Leugnung einer geplanten Berliner [Mauer](https://www.berlin-mauer.de/videos/walter-ulbricht-zum-mauerbau-530/) vom Juni 1961 ist vielen genauso in Erinnerung wie die Fake News-Warnungen des deutschen Bundesgesundheitsministeriums bezüglich [Lockdowns](https://x.com/BMG_Bund/status/1238780849652465664) im März 2020 oder diverse Äußerungen zu einer [Impfpflicht](https://www.achgut.com/artikel/die_schoensten_politiker_zitate_zur_impfpflicht) ab 2020.
**Aber Aufregung hin, Dementis her:** Die [Pressemitteilung](https://archive.is/xXQWD) der DGT zu dem Mobilitätskongress enthält in Wahrheit viel interessantere Informationen als «nur» einen Appell an den «guten» Bürger wegen der Bemühungen um die Lebensqualität in Großstädten oder einen möglichen obligatorischen Abschied vom Alleinfahren. Allerdings werden diese Details von Medien und sogenannten Faktencheckern geflissentlich übersehen, obwohl sie keineswegs versteckt sind. Die Auskünfte sind sehr aufschlussreich, wenn man genauer hinschaut.
### Digitalisierung ist der Schlüssel für Kontrolle
**Auf dem Kongress stellte die Verkehrsbehörde ihre Initiativen zur Förderung der «neuen Mobilität» vor,** deren Priorität Sicherheit und Effizienz sei. Die vier konkreten Ansätze haben alle mit Digitalisierung, Daten, Überwachung und Kontrolle im großen Stil zu tun und werden unter dem Euphemismus der «öffentlich-privaten Partnerschaft» angepriesen. Auch lassen sie die transhumanistische Idee vom unzulänglichen Menschen erkennen, dessen Fehler durch «intelligente» technologische Infrastruktur kompensiert werden müssten.
**Die Chefin des Bereichs «Verkehrsüberwachung» erklärte die Funktion** des spanischen National Access Point ([NAP](https://nap.dgt.es/)), wobei sie betonte, wie wichtig Verkehrs- und Infrastrukturinformationen in Echtzeit seien. Der NAP ist «eine essenzielle Web-Applikation, die unter EU-Mandat erstellt wurde», kann man auf der Website der DGT nachlesen.
**Das Mandat meint Regelungen zu einem einheitlichen europäischen Verkehrsraum,** mit denen die Union mindestens seit 2010 den Aufbau einer digitalen Architektur mit offenen Schnittstellen betreibt. Damit begründet man auch «umfassende Datenbereitstellungspflichten im Bereich multimodaler Reiseinformationen». Jeder Mitgliedstaat musste einen NAP, also einen nationalen [Zugangspunkt](https://transport.ec.europa.eu/transport-themes/smart-mobility/road/its-directive-and-action-plan/national-access-points_en) einrichten, der Zugang zu statischen und dynamischen Reise- und Verkehrsdaten verschiedener Verkehrsträger ermöglicht.
**Diese Entwicklung ist heute schon weit fortgeschritten,** auch und besonders in Spanien. Auf besagtem Kongress erläuterte die Leiterin des Bereichs «Telematik» die Plattform [«DGT 3.0»](https://www.dgt.es/muevete-con-seguridad/tecnologia-e-innovacion-en-carretera/dgt-3.0/). Diese werde als Integrator aller Informationen genutzt, die von den verschiedenen öffentlichen und privaten Systemen, die Teil der Mobilität sind, bereitgestellt werden.
**Es handele sich um eine Vermittlungsplattform zwischen Akteuren wie Fahrzeugherstellern,** Anbietern von Navigationsdiensten oder Kommunen und dem Endnutzer, der die Verkehrswege benutzt. Alle seien auf Basis des Internets der Dinge (IOT) anonym verbunden, «um der vernetzten Gemeinschaft wertvolle Informationen zu liefern oder diese zu nutzen».
**So sei DGT 3.0 «ein Zugangspunkt für einzigartige, kostenlose und genaue Echtzeitinformationen** über das Geschehen auf den Straßen und in den Städten». Damit lasse sich der Verkehr nachhaltiger und vernetzter gestalten. Beispielsweise würden die Karten des Produktpartners Google dank der DGT-Daten 50 Millionen Mal pro Tag aktualisiert.
**Des Weiteren informiert die Verkehrsbehörde über ihr SCADA-Projekt.** Die Abkürzung steht für Supervisory Control and Data Acquisition, zu deutsch etwa: Kontrollierte Steuerung und Datenerfassung. Mit SCADA kombiniert man Software und Hardware, um automatisierte Systeme zur Überwachung und Steuerung technischer Prozesse zu schaffen. Das SCADA-Projekt der DGT wird von Indra entwickelt, einem spanischen Beratungskonzern aus den Bereichen Sicherheit & Militär, Energie, Transport, Telekommunikation und Gesundheitsinformation.
**Das SCADA-System der Behörde umfasse auch eine Videostreaming- und Videoaufzeichnungsplattform,** die das Hochladen in die Cloud in Echtzeit ermöglicht, wie Indra [erklärt](https://www.indracompany.com/es/noticia/indra-presenta-global-mobility-call-pionera-plataforma-nube-desplegada-centros-gestion). Dabei gehe es um Bilder, die von Überwachungskameras an Straßen aufgenommen wurden, sowie um Videos aus DGT-Hubschraubern und Drohnen. Ziel sei es, «die sichere Weitergabe von Videos an Dritte sowie die kontinuierliche Aufzeichnung und Speicherung von Bildern zur möglichen Analyse und späteren Nutzung zu ermöglichen».
**Letzteres klingt sehr nach biometrischer Erkennung** und Auswertung durch künstliche Intelligenz. Für eine bessere Datenübertragung wird derzeit die [Glasfaserverkabelung](https://www.moncloa.com/2025/03/18/linea-azul-conduccion-dgt-3191554/) entlang der Landstraßen und Autobahnen ausgebaut. Mit der Cloud sind die Amazon Web Services (AWS) gemeint, die spanischen [Daten gehen](https://norberthaering.de/news/digitalgipfel-wehnes-interview/) somit direkt zu einem US-amerikanischen «Big Data»-Unternehmen.
**Das Thema «autonomes Fahren», also Fahren ohne Zutun des Menschen,** bildet den Abschluss der Betrachtungen der DGT. Zusammen mit dem Interessenverband der Automobilindustrie ANFAC (Asociación Española de Fabricantes de Automóviles y Camiones) sprach man auf dem Kongress über Strategien und Perspektiven in diesem Bereich. Die Lobbyisten hoffen noch in diesem Jahr 2025 auf einen [normativen Rahmen](https://www.coches.net/noticias/informe-coche-autonomo-conectado-espana-2024) zur erweiterten Unterstützung autonomer Technologien.
**Wenn man derartige Informationen im Zusammenhang betrachtet,** bekommt man eine Idee davon, warum zunehmend alles elektrisch und digital werden soll. Umwelt- und Mobilitätsprobleme in Städten, wie Luftverschmutzung, Lärmbelästigung, Platzmangel oder Staus, sind eine Sache. Mit dem Argument «emissionslos» wird jedoch eine Referenz zum CO2 und dem «menschengemachten Klimawandel» hergestellt, die Emotionen triggert. Und damit wird so ziemlich alles verkauft.
**Letztlich aber gilt: Je elektrischer und digitaler unsere Umgebung wird** und je freigiebiger wir mit unseren Daten jeder Art sind, desto besser werden wir kontrollier-, steuer- und sogar abschaltbar. Irgendwann entscheiden KI-basierte Algorithmen, ob, wann, wie, wohin und mit wem wir uns bewegen dürfen. Über einen 15-Minuten-Radius geht dann möglicherweise nichts hinaus. Die Projekte auf diesem Weg sind ernst zu nehmen, real und schon weit fortgeschritten.
*\[Titelbild:* *[Pixabay](https://pixabay.com/de/photos/reisen-wagen-ferien-fahrzeug-1426822/)]*
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Dieser Beitrag ist zuerst auf ***[Transition News](https://transition-news.org/nur-abschied-vom-alleinfahren-monstrose-spanische-uberwachungsprojekte-gemass)*** erschienen.