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@ Patric I. Vogt
2025-03-29 10:39:17
Es gibt Bibliotheken voll Literatur zur „Kunst“ der Kriegsführung. Dies hier ist ein Beitrag zu den Bibliotheken der **Kunst Frieden zu führen**. Denn Frieden ist nicht die Abwesenheit von Krieg. Sondern eine mindestens ebenso intensive Aktivität. Worin genau besteht sie aber? Ich glaube darin, weder nach der einen noch nach der anderen Seite vom Hochseil zu fallen. Denn vom Hochseil kann man immer nach zwei Seiten fallen. Das ist dann auch schon die Kernherausforderung: Gleichgewichthalten!
 
Es scheint zunächst ein ganz äußerlicher Auftrag. Es gibt immer und wird immer widerstreitende Interessen geben. Allerdings ist das nur die äußerste Zwiebelschale. Denn wenn wir die Sache etwas mit Abstand von uns selbst betrachten, werden wir in uns hinein verwiesen: **Frieden kann nur von innen nach außen gestiftet werden**. Wenn wir das Hochseil in uns suchen, was finden wir dann? – Zweifels ohne, wissen wir von uns, dass wir nicht jeden Tag unser bestes Selbst sind. Würde es sich nicht lohnen etwas genauer über die Möglichkeit nach zwei Seiten vom Hochseil zu fallen nachzudenken, zugunsten der eigenen Balancierfähigkeit?
Wir sind daran gewöhnt zu denken dem Guten steht das Böse gegenüber. Daraus ziehen ja alle Western und Martial Arts Streifen ihren Plot: Der Gute bringt den Bösen um die Ecke und damit hat wieder mal das Gute gesiegt. Wir bewerten das „um die Ecke bringen“ unterschiedlich, je nach dem, von wem es kommt.
Ich möchte einen neuen Gedanken vorschlagen über unser Inneres, über Gut und Böse nachzudenken. Denn, wie gesagt, vom Hochseil kann man nach zwei Seiten fallen. Und es hat immer drastische Wirkung. Wo kommen wir also hin, wenn wir sagen: **Frieden ist immer ein Gleichgewichtszustand**, ergo eine Zeit der Mitte?
Sagen wir Toleranz ist ein erstrebenswertes Ideal. Dann würden wir sicher sagen Engstirnigkeit ist das Gegenteil davon und alles andere als Wünschenswert. Ja, so ist es gewiss. Und es bleibt hinzuzufügen, auch Beliebigkeit ist das Gegenteil von Toleranz. Denn es gibt eine Grenze, wo Toleranz nicht mehr Toleranz ist, sondern Beliebigkeit, ein „alles ist möglich“. Ähnlich können wir es für Großzügigkeit denken: Großzügigkeit ist ein erstrebenswertes Ideal. Ihr Gegenteil ist Geiz. Ihr anderes Gegenteil die Verschwendung. Oder Mut. Mut ist ein erstrebenswertes Ideal. Feigheit sein Gegenteil. Sein anderes Gegenteil ist Leichtsinn. Mit andern Worten: Das Ideal wird immer zum Hochseil. Und wir können immer nach zwei Seiten von ihm fallen. Wenn wir diesem Gedanken folgen, kommen wir weg von der Gut-Böse-Dualität. Und stattdessen zur Frage nach dem Gleichgewicht. Zur Frage nach der Mittezeit.
Natürlich steht es uns frei all das zu denken. Oder auch nicht zu denken. Denn selbstverständlich ist es möglich es nicht zu denken und bei einer Dualitätsvorstellung festhängen zu bleiben. Es wird uns nur nicht helfen Frieden zu denken und in Frieden zu handeln. Wenn wir wollen können wir durch das Aufspannen einer Trinität einen neuen Raum eröffnen und betreten. In ihm wird Frieden aktiv führbar, denn er wird **eine Gleichgewichtssituation in uns selbst!** – Nicht eine, sich einander gegenüberstehender äußerer Mächte!
Gehen wir noch einen Schritt weiter in unserer Betrachtung, können wir feststellen, dass es durchaus einen Unterschied macht nach welcher Seite wir runter fallen. Denn auf der einen Seite ist es immer eine **Verengung**: Engstirnigkeit, Geiz, Feigheit in unseren Beispielen. Auf der anderen ist es immer eine **Zersplitterung oder Versprühung**. In unseren Beispielen Beliebigkeit, Verschwendung und Leichtsinn. Und das erstrebenswerte ist eben immer die Mitte, das von uns ständig aktualisierte Gleichgewicht.
Das interessante ist, wo diese Mitte liegt, lässt sich niemals statisch festlegen. Sie ist immer dynamisch. Denn sie kann zu unterschiedlichen Momenten an unterschiedlicher Stelle liegen. Es ist immer **ein Ich, das sich in Geistesgegenwart neu ausbalanciert**. Und darum ist Frieden so schwer. Wir werden ihn niemals „haben“, sondern ihm immer entgegen gehen.
Der Kriegsruf ist nichts anderes, als ein Versuch von denen, die vom Hochseil gefallen sind, uns auch herunter zu kicken.
Netter Versuch. Wird aber nichts!
In der Nussschale: Die Dualität auflösen in die Trinität der balancierenden Mitte zwischen der Geste der Versteinerung und der Geste des Zerstäubens oder Zersplitterns. Die dynamische Qualität der Mitte bemerken. Oder, tun wir es nicht, ist das gleich der erste Anstoß, der uns wieder zum Wackeln bringt. Und des Ich´s gewahr werden, das balanciert. **Frieden führen ist eine Kunst**. 
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**Patric I. Vogt**, geb. 1968 in Mainz. Autor von „[Zukunft beginnt im Kopf](https://buchshop.bod.de/zukunft-beginnt-im-kopf-patric-i-vogt-9783759734266) Ein Debattenbeitrag zur Kernsanierung von Rechtsstaat und Demokratie“. Lebt als freischaffender Künstler, Lehrer und Unternehmer. Über drei Jahrzehnte Beschäftigung mit dem Ideenfeld soziale #Dreigliederung und Anthroposophie. Moderation und Mediation von sozialen Prozessen und Organisationsentwicklung. Staatlich ungeprüft, abgesehen von den Fahrerlaubnissen zu Land und zu Wasser. Motto: Gedanken werden Worte, werden Taten! [www.perspektivenwechsel.social](http://www.perspektivenwechsel.social/) 
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