
@ Die Friedenstaube
2025-03-31 19:38:39
 
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**Autor:** **[Carlos A. Gebauer.](https://make-love-not-law.com/lebenslauf.html)** *Dieser Beitrag wurde mit dem **[Pareto-Client](https://pareto.space/read)** geschrieben. Sie finden alle Texte der Friedenstaube und weitere Texte zum Thema Frieden **[hier.](https://pareto.space/read?category=friedenstaube)***
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Am 18. März 1924 schenkte meine Großmutter ihren Töchtern einen kleinen Bruder. Weil sein Vater fürchtete, der Junge könnte unter seinen vier Schwestern verweichlichen, schickte er den Kleinen zu Wochenendfreizeiten einer örtlichen Pfadfindergruppe. Ein Weltkriegsveteran veranstaltete dort mit den Kindern Geländespiele quer durch die schlesischen Wälder. Man lernte, Essbares zu finden, Pilze zu bestimmen, sich im Freien zu orientieren und Feuer zu machen.
Bald wurde deutlich, dass der Heranwachsende auch nicht mehr in den Blockflötenkreis seiner Schwestern und ihrer Freundinnen passte. Das Umfeld befürwortete, sein besonderes musikalisches Talent auf das Klavierspiel und das Flügelhorn zu richten. Kontakte bei der anschließenden Kirchenmusik mündeten schließlich in den elterlichen Entschluss, den nun 14-jährigen in ein Musikschulinternat zu schicken.
### Es begann der Zweite Weltkrieg
Ein Jahr später, das erste Heimweh hatte sich langsam beruhigt, änderten sich die Verhältnisse schlagartig. Es begann der Zweite Weltkrieg. Mitschüler unter den jungen Musikern erfuhren, dass ihre älteren Brüder nun Soldaten werden mussten. Noch hielt sich die Gemeinschaft der jetzt 15-jährigen im Internat aber an einer Hoffnung fest: Bis sie selbst in das wehrfähige Alter kommen würden, müsste der Krieg längst beendet sein. In dieser Stimmungslage setzten sie ihre Ausbildung fort.
Es kam anders. Für den 18-jährigen erfolgte die befürchtete Einberufung in Form des „Gestellungsbefehls“. Entsprechend seiner Fähigkeiten sah man ihn zunächst für ein Musikkorps vor und schickte ihn zu einer ersten Grundausbildung nach Südfrankreich. Bei Nizza fand er sich nun plötzlich zwischen Soldaten, die Handgranaten in das Mittelmeer warfen, um Fische zu fangen. Es war das erste Mal, dass er fürchtete, infolge Explosionslärms sein Gehör zu verlieren. In den kommenden Jahren sollte er oft die Ohren zu- und den Mund offenhalten müssen, um sich wenigstens die Möglichkeit der angezielten Berufsausübung zu erhalten – wenn es überhaupt je dazu kommen würde.
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Schon nach kurzer Zeit änderte sich die Befehlslage wieder. Der Musikstudent wurde nun zum Infanteristen und nach Russland an die Front verbracht. Vor ihm lagen jetzt drei Kriegsjahre: Gewalt, Dreck, Gewehrkugeln, Panzerschlachten, Granatsplitter, Luftangriffe, Entbehrungen, Hunger, Kälte, sieben Verwundungen, Blut und Schmerzen, Sterbende überall, Tote, Schreiende. Verzweiflung. Sorgen. Ängste. Todesangst. Zurückweichen? Verboten! Und die stets klare Ansage dazu: Wer nicht da vorne gegen den Feind um sein Leben kämpft, dem wird es ganz sicher da hinten von den eigenen Kameraden genommen.
Ein gewährter Fronturlaub 1944 versprach glückliche Momente. Zurück zu den Eltern, zurück zu den Schwestern, zurück nach Freiburg. Doch die Familie war nicht zu Hause, die Türen verschlossen. Eine Nachbarin öffnete ihr Fenster und rief dem Ratlosen zu: „Beeil‘ dich! Renn‘ zum Friedhof. Der Vater ist tot. Sie sind alle bei der Beerdigung!“ Wieder hieß es, qualvoll Abschied nehmen. Zurück an die Front.
Nach einem weiteren russischen Winter brach sich unübersehbar die Erkenntnis Bahn, dass der Krieg nun seinem Ende zugehe. Doch das Bemühen im Rückzug, sich mit einem versprengten Haufen irgendwie Richtung Heimat orientieren zu können, wurde doppelt jäh unterbrochen. Fanatische Vorgesetzte befahlen die längst Geschlagenen wieder gen Osten. Kurz darauf fielen sie heranrückenden russischen Truppen in die Hände.
### Kriegsgefangenschaft: Tabakration gegen Brot
Drei Jahre dem Tod entgangen, schwer verletzt und erschöpft war der 21-jährige also nun ein Kriegsgefangener. Jetzt lagen drei Jahre russischer Kriegsgefangenschaft vor ihm. Ständig war unklar, wie es weiterginge. Unmöglich jedenfalls, sich noch wie ein Pfadfinder aus den Wäldern zu ernähren. Es begannen die Jahre des Schlafens auf Brettern, die Zeit der ziellosen Zugtransporte an unbekannte Orte. Niemand sprach. Nur der Sonnenstand machte klar: Es ging nie Richtung Heimat, sondern immer weiter nach Osten. Weil der Blechbläser nicht rauchte, konnte er seine Tabakration gegen Brot tauschen. So überlebte er auch die Zeit des Hungers und der Morde in den Lagern, die Horrorbilder der nachts Erschlagenen und in die Latrinen geworfenen Toten, der sinnlosen Zwangsarbeiten und der allgegenwärtigen Wanzen. Wer versuchte zu fliehen, der wurde erschossen und sein Körper zur Abschreckung in den Fangdrähten belassen. Im Sommer stanken die dort verwesenden Leichen, wenn nicht Vögel sie rechtzeitig gefressen hatten.
Als der 24-jährige schließlich sechs Jahre nach seiner Einberufung aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, gab es kein Zurück mehr in seine schlesische Heimat. Abgemagert reiste er der vertriebenen Mutter nach, die mit seinen Schwestern und Millionen anderen Flüchtlingen im Westen Deutschlands verteilt worden war. Kraft Ordnungsverfügung wohnte sie jetzt im sauerländischen Bad Laasphe in einem schimmligen Garagenanbau. Als ihn ein Passant auf dieser Reise morgens allein, nur mit einem Becher an der Schnur um den Hals, auf Krücken durch Berlin ziehen sah, gab er ihm schweigend sein Butterbrot.
Der kleine, sanfte Junge aus dem schlesischen Freiburg hat danach noch 60 Jahre gelebt. Es dauerte zunächst sechs Jahre, bis er wieder kräftig genug war, ein Instrument zu spielen. 30-jährig saß er dann endlich in einem Orchester und begann ein normales Berufsleben. Aber sein Körper und seine Seele waren für immer aus jeder Normalität gerissen.
Irgendwo in Russland war ihm die linke Hüfte so versteift worden, dass sich seine Beine im Liegen an Wade und Schienbein überkreuzten. Er musste also stets den Oberkörper vorbeugen, um überhaupt laufen zu können. Über die Jahrzehnte verzog sich so sein gesamter Knochenbau. Jeder Tag brachte neue orthopädische Probleme und Schmerzen. Ärzte, Masseure, Physiotherapeuten, Schmerzmittel und Spezialausrüstungen aller Art prägten die Tagesabläufe. Asymmetrisch standen seine Schuhe nebeneinander, die ein Spezialschuster ihm mit erhöhter Sohle und Seitenstabilisierung am Knöchel fertigte. Sessel oder Sofas waren ihm nicht nutzbar, da er nur auf einem Spezialstuhl mit halb abgesenkter Sitzfläche Ruhe fand. Auf fremden Stühlen konnte er nur deren Vorderkante nutzen.
### "In den Nächten schrie er im Schlaf"
Und auch wenn er sich ohne Krankheitstage bis zuletzt durch seinen Berufsalltag kämpfte, so gab es doch viele Tage voller entsetzlicher Schmerzen, wenn sich seine verdrehte Wirbelsäule zur Migräne in den Kopf bohrte. Bei alledem hörte man ihn allerdings niemals über sein Schicksal klagen. Er ertrug den ganzen Wahnsinn mit einer unbeschreiblichen Duldsamkeit. Nur in den Nächten schrie er bisweilen im Schlaf. In einem seiner Alpträume fürchtete er, Menschen getötet zu haben. Aber auch das erzählte er jahrzehntelang einzig seiner Frau.
Als sich einige Jahre vor seinem Tod der orthopädische Zustand weiter verschlechterte, konsultierte er einen Operateur, um Entlastungsmöglichkeiten zu erörtern. Der legte ihn auf eine Untersuchungsliege und empfahl, Verbesserungsversuche zu unterlassen, weil sie die Lage allenfalls verschlechtern konnten. In dem Moment, als er sich von der Liege erheben sollte, wurde deutlich, dass ihm dies nicht gelang. Die gereichte Hand, um ihn hochzuziehen, ignorierte er. Stattdessen rieb er seinen Rumpf ganz alleine eine quälend lange Minute über die Fläche, bis er endlich einen Winkel fand, um sich selbst in die Senkrechte zu bugsieren. Sich nicht auf andere verlassen, war sein Überlebenskonzept. Jahre später, als sich sein Zustand noch weiter verschlechtert hatte, lächelte er über seine Behinderung: „Ich hätte schon vor 60 Jahren tot auf einem Acker in Russland liegen können.“ Alles gehe irgendwann vorbei, tröstete er sich. Das war das andere Überlebenskonzept: liebevoll, friedfertig und sanft anderen gegenüber, unerbittlich mit sich selbst.
Sechs Monate vor seinem Tod saß er morgens regungslos auf seinem Spezialstuhl. Eine Altenpflegerin fand ihn und schlug Alarm. Mit allen Kunstgriffen der medizinischen Technik wurde er noch einmal in das Leben zurückkatapultiert. Aber seine Kräfte waren erschöpft. Es schob sich das Grauen der Vergangenheit zwischen ihn und die Welt. Bettlägerig kreiste er um sich selbst, erkannte niemanden und starrte mit weit offenen Augen an die Decke. „Die Russen schmeißen wieder Brandbomben!“, war einer seiner letzten Sätze.
Der kleine Junge aus Schlesien ist nicht zu weich geraten. Er hat sein Leid mit unbeugsamer Duldsamkeit ertragen. Er trug es wohl als Strafe für das Leid, das er anderen anzutun genötigt worden war. An seinem Geburtstag blühen immer die Magnolien. In diesem Jahr zum hundertsten Mal.
*Dieser Text wurde am 23.3.2024 erstveröffentlicht auf* *[„eigentümlich frei“.](https://ef-magazin.de/2024/03/23/21072-make-love-not-law-kriegstuechtig)*
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*Carlos A. Gebauer studierte Philosophie, Neuere Geschichte, Sprach-, Rechts- und Musikwissenschaften in Düsseldorf, Bayreuth und Bonn. Sein juristisches Referendariat absolvierte er in Düsseldorf, u.a. mit Wahlstationen bei der Landesrundfunkanstalt NRW, bei der Spezialkammer für Kassenarztrecht des Sozialgerichtes Düsseldorf und bei dem Gnadenbeauftragten der Staatsanwaltschaft Düsseldorf.*
*Er war unter anderem als Rechtsanwalt und Notarvertreter bis er im November 2003 vom nordrhein-westfälischen Justizministerium zum Richter am Anwaltsgericht für den Bezirk der Rechtsanwaltskammer Düsseldorf ernannt wurde. Seit April 2012 arbeitet er in der Düsseldorfer Rechtsanwaltskanzlei Lindenau, Prior & Partner. Im Juni 2015 wählte ihn die Friedrich-August-von-Hayek-Gesellschaft zu ihrem Stellvertretenden Vorsitzenden. Seit Dezember 2015 ist er Richter im Zweiten Senat des Anwaltsgerichtshofes NRW.*
*1995 hatte er parallel zu seiner anwaltlichen Tätigkeit mit dem Verfassen gesellschaftspolitischer und juristischer Texte begonnen. Diese erschienen seither unter anderem in der Neuen Juristischen Wochenschrift (NJW), der Zeitschrift für Rechtspolitik (ZRP) in der [Frankfurter Allgemeinen Zeitung](http://www.faz.de/), der [Freien Presse Chemnitz](http://www.freiepresse.de/), dem „Schweizer Monat“ oder dem Magazin für politische Kultur CICERO. Seit dem Jahr 2005 ist Gebauer ständiger Kolumnist und Autor des Magazins „eigentümlich frei“.*
*Gebauer glaubt als puristischer Liberaler unverbrüchlich an die sittliche Verpflichtung eines jeden einzelnen, sein Leben für sich selbst und für seine Mitmenschen verantwortlich zu gestalten; jede Fremdbestimmung durch Gesetze, staatliche Verwaltung, politischen Einfluss oder sonstige Gewalteinwirkung hat sich demnach auf ein ethisch vertretbares Minimum zu beschränken. Die Vorstellung eines europäischen Bundesstaates mit zentral detailsteuernder, supranationaler Staatsgewalt hält er für absurd und verfassungswidrig.*
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**Aktuelle Bücher:**
Hayeks Warnung vor der Knechtschaft (2024) – [hier im Handel](https://www.buchkomplizen.de/hayeks-warnung-vor-der-knechtschaft.html?listtype=search\&searchparam=Carlos%2520A%2520gebauer)
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